Leben und Leid, fein seziert
Lars Oberhäuser spielte Süskinds Kontrabass im WuP
sz Siegen. Ja, trinken Sie ruhig, Mr. Kontrabassmann! Weil Ihr Leben so elend ist, gönnt Ihnen das
Publikum Ihre paar Bier. Wenn man so einen Waldschrat von Instrument spielt, hat man wirklich nichts zu
lachen. Die Zuschauer aber umso mehr, am Samstagabend im Werkstatt- und Probenhaus (WuP). Dort fand mit
Patrick Süskinds Ein-Mann-Stück Der Kontrabass die erste Theateraufführung nach der Renovierung statt.
Dafür sorgte der Verein für soziale Arbeit und Kultur Südwestfalen, und speziell Regisseur Ahmad Nikazar sowie
der Kölner Schauspielschüler Lars Oberhäuser, der in satten zwei Stunden Leben und Leid des Kontrabassisten
sezierte, analysierte und kundtat. Allein haust er in seinem Akkustikzimmer, alles abgedämmt - Schallschutz, Sie
verstehen? Es ist eine Iso-Hölle. Und er ist immer da, der Freund Harvey, der Schatten, der Bass. Ein Mordinstrument,
das den Mann in seinem Dasein nur behindert, sexuell und verkehrstechnisch. Dabei liebt der Bassist doch Sarah, die
Mezzosopranistin. Aber auf seinem Instrument kann er keinen Ton spielen, den sie singt. Ausserdem hat sie ihn auch
noch nie angesehen, im Staatsorchester, wo die Kontrabässe ganz hinten stehen, und er auch noch am dritten Pult.
Bedeutendes hat er da eh nicht zu spielen. Höchstens wenn in einer Oper mal ein Gewitter aufzieht, sind die brummelnden
Kontrabässe gefragt. Dagegen die Pauke...
Oberhäuser geriet immer mal wieder in Rage, dann kam das Hemd aus der Hose, die Krawatte locker um den Hals, er schrie sich das Elend aus dem Leib. Macht ja nichts, kann ihn ja eh keiner hören. Dann kam er wieder zur Besinnung, das Hemd wieder in die Hose, den Krawattenknoten ordentlich gebunden, die Weste zugeknöpft, immerhin ist der Bassist ja Beamter. Und er kann dozieren, meine Herrn! über die endgültige Entscheidung 1832, im Orchester den vier- statt dreisaitigen Bass zu verwenden, über die Ekelhaftigkeit und den dadurch bedingten Hautausschlag Wagners und und und. Bei diesen musikgeschichtlichen Erläuterungen hätte man ein wenig kürzen können. Trotzdem hielt Oberhäuser die Spannung bis zum Schluss und man wünschte dem gebeutelten Musiker, dass er es wagt, in die Stille vor Beginn der Rheingold-Aufführung Sarahs Namen zu rufen. Das wäre mal ein Ding! Da würde mal jemand auf ihn aufmerksam! Aber so, wie wir den Bassisten in Süskinds Stück kennengelernt haben, darf man Zweifel an seinem Mut haben und offenbar zweifelt er selbst auch daran. Also, immer so weiter. Jeder hat im Leben sein Päckchen zu tragen. Das des Bassisten ist allerdings ein ganz schöner Packen. Tapfer sein!






